Was uns antreibt

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Konservativ geschätzte 10-15mal habe ich im Alter zwischen sieben und dreizehn Michael Endes unendliche Geschichte verschlungen, für mich eines der magischsten und prägendsten Bücher überhaupt. Es enthält gleich mehrere wichtige Kerngedanken, die mich seitdem immer wieder beschäftigt haben. Einer davon handelt von der schwierigen Suche nach dem eigenen wahren Willen.

(Solle es tatsächlich Menschen geben, die das Buch nicht kennen: Spoileralarm!)
Der Protagonist Bastian, ein dicklicher, schüchterner Junge, rettet das Land Phantasien und darf sich dort fortan jeden seiner Wünsche erfüllen. Doch während seiner vielen Abenteuer muss er erfahren, dass ihn weder Macht, noch Schönheit, noch Stärke, noch Prominenz glücklich machen. Ganz im Gegenteil – er wird immer trauriger und unzufriedener.

Am Ende der unendlichen Geschichte findet er schließlich seinen wahren Willen in den zwei menschlichsten Wünschen von allen: Lieben und geliebt werden. Alles andere war einfach nur Kompensation.
Natürlich muss man diese dort beschriebenen Urwünsche als starke Vereinfachung unserer Natur betrachten. Wir mögen zwar irgendwo ganz tief drinnen nach einem gemeinsamen Nenner ticken, sind aber durch die quasi-unendlich vielen Möglichkeiten, die uns das Leben inzwischen bietet, zu so was wie Meta-Individualisten mutiert. Wir entwickeln unsere Einzigartigkeit schon allein um unserer Besonderheit willen.

Nicht jeder strebt also ausschließlich nach Liebe, so einfach ist die Sache mit dem wahren Willen wohl keinesfalls. EINE simple Schlussfolgerung lässt sich aber aus Bastians Geschichte ableiten: Unsere Wünsche sagen uns, wer wir sind. Denn was könnte uns die schwierige Frage nach dem eigenen Selbst schon besser beantworten, als das, was wir begehren und das, was uns antreibt?
Also: seid ehrlich zu Euch selbst und fragt Euch:
Welcher Eurer Wünsche ist der sehnlichste? Der selbstloseste? Der egoistischste? Der geheimste? Der kindischste? Der vernünftigste? Der materialistischste? Der romantischste? Der gewalttätigste? Der verrückteste? Der perverseste? Der unerfüllbarste?

Kleiner Nachschub: Die Buddhisten glauben, dass unsere Wünsche und Sehnsüchte uns zu Gefangenen machen. Nur wer nichts mehr begehrt, soll wahrhaftig frei sein. Vielleicht haben sie ja Recht damit. Ich für meinen Teil kapiere aber nicht, wie ich nach Freiheit streben soll, ohne mir selbige zu wünschen. Ist mir zu hoch.

 

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