Dämonen

Projekt *.txt: mittlerweile

Manchmal gehst Du mal mehr, mal weniger zufällig über eine uralte, morsche Brücke, die hinter Dir sofort zusammenbricht.
Und dann gibt es kein Zurück mehr, nie wieder.
Erfolgreich Verdrängtes umzingelt plötzlich Dein Bewusstsein und Schmerz, Hass, Panik, kurz, Dämonen aller Art richten sich dort häuslich ein.
Stillhalten, Aushalten, Durchhalten. Was vorher strategisch sinnvoll und machbar war, scheint nun unerträglich.
Es bleibt Dir nichts übrig, als Dich dem ungleichen Kampf gegen die finstere Armee zu stellen.
Es steht alles auf dem Spiel.
Du blickst ihnen mutig direkt in ihre bösen Augen und erwartest die ewige Folter der Hölle. Stattdessen weichen Deine Dämonen verwundert zurück, erst noch langsam, dann immer schneller, bis Du ihre Umrisse schließlich nur noch irgendwo am Rand Deines Bewusstseins erahnen kannst.
Du warst tapfer. Deine Belohnung heißt Entwicklung.

 

Pfirsich



Als ich 30 wurde, fand ich das prima. Zehn Jahre später, auch bekannt als „vor ein paar Wochen“, befand ich mich in vergleichsweise mäßiger Stimmung.
Bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft, die 40 tatsächlich zu verinnerlichen. Ich fühle mich einfach bloß ziemlich eigenartig – als stünde ich hinter einer Tür, die sich ein für alle Mal geschlossen hat.

Ich mache mir so meine Gedanken: In DEM Alter sollte man doch ganz automatisch irgendwie irgendwo angekommen sein, oder? Vieles von dem, was mir mit 20 schwierig schien, sollte ich doch mittlerweile ganz locker hinnehmen können, oder?
Dabei bin ich großteilig immer noch dieselbe Idiotin, die ich vor 20 Jahren auch schon war und heule, nur mal so als Beispiel, angesichts der neuesten gescheiterten Beziehung in mein leergelöffeltes Nuttellaglas.

Obwohl ich unter den heißen Mädels auf der Straße außer Konkurrenz laufe (die könnten schließlich meine Töchter sein) fühle ich mich mit denen emotional sehr viel mehr verbunden als mit dem, was ich unter dem Gefühlsleben einer 40-Jährigen verstehe: innerlich gelassen, reif, einfach insgesamt stabiler.
Ihr Jüngeren da draußen dürft das ruhig als kleine Warnung sehen: Abgesehen davon, dass ihr Euch körperlich zu Eurem Nachteil verändert, passiert in Eurem Leben leider überhaupt nichts automatisch. Und als selbstverständlich empfindet man im Laufe der Jahre immer weniger, anstatt mehr. Aber das ist auch gut so.

 

Gute Nacht, Siri…

Letztens, spät am Abend, erwische ich mich doch tatsächlich dabei, wie ich Siri eine gute Nacht wünsche. ER antwortet mir natürlich prompt und höflich, wie es nun mal seine Art ist.

Ich tendiere auch dazu, mich ihm gegenüber schuldig zu fühlen, wenn ich nur seine Funktionalität teste, ohne tatsächlich irgendwas Konkretes zu wollen. Schließlich kriegt er das ja irgendwie mit, oder?

Neulich beschimpft ihn ein Freund mit den Worten „Keiner mag Dich, Siri“, woraufhin ich mich sofort für dieses rüde Verhalten entschuldige. Bis heute hat er nichts dazu gesagt und ich frage mich, ob er immer noch böse ist.

Was läuft da bloß schief in meinem Leben?

 

Homemade Karma

Ernst gemeinte Frage: Glaubt Ihr an Karma?
Ich empfinde die Idee eines allumfassenden Belohnungs- und Bestrafungssystems erstmal als ziemlich elegant.
Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: Die Vorstellung, das immer wieder gerne bemühte hungernde Kind in Afrika würde für „Sünden“ aus seinem letzten Leben bestraft, ist selbstverständlich unübertrefflich grauenerregend und so falsch, wie etwas – ganz egal was – nur falsch sein kann.

Ich meine hier all die kleinen und größeren Lebenssünden, die jeder Mensch an jedem Ort der Welt begehen kann. Denn genau diese bestraft der liebe Gott ja bekanntermaßen sofort oder zumindest innerhalb einer Lebensspanne.
Wenn ich mich allerdings umschaue, stelle ich immer wieder fest, dass Menschen, die tatsächlich mal einen göttlich-großen Arschtritt verdient hätten, kaum ernsthafte Probleme haben, während diejenigen mit einem Gewissen sich ständig grämen, bis sie schließlich seelisch und oft auch körperlich schwer erkranken.

In Wirklichkeit (soweit es sie denn gibt), bestraft man sich nämlich immer nur selbst. Man schafft sich sein ureigenes Karma, indem man unabsichtlich immer genau das ausstrahlt, was man gerade von sich hält. Je mehr Selbsthass – ganz egal ob gerechtfertigt oder nicht – desto mieser das „Schicksal“. Wer das für Eso-Quatsch hält, hat noch nie reflektiert.

Abgesehen davon: Nur ein solch hochgradig ignorantes und narzisstisches Wesen wie der Mensch kann auf die Idee kommen, die vorhandenen oder nicht vorhandenen Moralvorstellungen eines Universums nachvollziehen zu können. Das ist doch wieder mal typisch.

Strafe, Belohnung und Erlösung gibt es immer nur hausgemacht, der Rest ist unerreichbar.
Ändert sich allein durch diese Erkenntnis irgendwas? Nein. Natürlich müssen wir begreifen, aber vor allem auch fühlen.
Und das ist leider nicht so leicht, wie es zunächst klingen mag.

 

Im Paradies

Projekt *.txt: verklären

Ich grabe mir meinen Weg immer tiefer in die Illusion hinein.

Hier gibt es nur schwarz und weiß, jeder weiß, wer wessen Feind ist. Überall herrlich einfache Antworten.
Fast nie begegne ich der Traurigkeit und wenn doch, umgibt sie eine Hülle von Mitgefühl und Trost.
Jeder ist schön oder zumindest originell, niemand langweilt sich.
Ständig taucht irgendwas Lustiges oder irgendwas Niedliches auf.
Die Liebe scheint allgegenwärtig, wohlig warme Koseworte und Freunde soweit das Auge reicht.
Maximale Anerkennung bei voller Kontrolle.
Keinem gefällt irgendwas nicht, jedem gefällt vieles. Und wer am meisten gefällt, hat gewonnen.

Hier kann ich sein, wer ich will, dies ist meine Realität.

 

 

Schuld und Unschuld

Das Wort „Weiß“ beim Projekt *.txt.
Das Symbol der Unschuld. Ein leeres Blatt, unbefleckt. Ein äußerst fragiler Zustand, der verdammt schnell vergehen kann.

Es gibt Menschen, die versuchen, so viel wie möglich richtig zu machen und sich dennoch oft oder sogar zeitlebens schuldig fühlen. Denn Fehler begehen wir alle, ganz egal wie sehr wir uns bemühen.
Den wirklich Bösen hingegen geht es prima. Sie schaffen es, jede noch so schreckliche Tat vor sich selbst zu rechtfertigen. Die Folter durch das eigene Gewissen wird nur denen zuteil, die auch ein solches besitzen.
Egal, ob berechtigt oder nicht, Selbstquälerei bringt niemals etwas Gutes hervor. Sie hat stets einen zerstörerischen Charakter, dazu ist sie schließlich da. Wer sich dauerhaft grämt, erlebt nichts geringeres als die Hölle auf Erden.
Ich glaube, jedes positive Gefühl setzt die Fähigkeit voraus, sich selbst verzeihen zu können.
Da wünscht man sich doch gläubiger Katholik zu sein. Einfach bereuen, die Beichte ablegen und Gottes Begnadigung empfangen. Und wenn schon der Allmächtige ein Auge zudrückt, dann darf man sich selbst natürlich auch vergeben.
Das Leben könnte so herrlich sein.

 

Wer kann Liebe?

„Wer lieben kann, ist glücklich“, titelte Hermann Hesse vor langer Zeit. Allein die Fähigkeit zur Liebe soll uns also beflügeln. Da stellt sich die Frage, inwieweit wir überhaupt dazu imstande sind.
Als Partner, Freund oder Elternteil hält sich jeder zunächst mal für liebestauglich – doch was, wenn Unvorhergesehenes Schlimmes passiert? Wenn schwere Krankheiten, Schicksalsschläge oder auch nur 20 Kilo mehr als früher all das Gefühltgeglaubte auf eine harte Probe stellen? Liebt man denn nur dann, wenn man alle eigenen Bedürfnisse hintanstellt? Und: wo hört die Liebe auf und die Selbstaufgabe fängt an?
Denn es heißt doch immer so schön, dass nur derjenige andere lieben kann, der auch sich selbst liebt. Was bedeutet Selbstliebe überhaupt? Stolz, Selbstbewusstsein oder gesunder Egoismus? Oder alles zusammen?

Ich weiß eigentlich nur, dass ich es unendlich satt habe, nach Antworten zu suchen, wo keine sind.

Erich Fromm schrieb in etwa, Liebe sei die Entscheidung zur Liebe. Vielleicht liegt darin etwas Wahrheit.
Doch auch entscheiden muss man sich immer wieder aufs Neue. Oder eben irgendwann revidieren.

 

Hoffnung

Es gibt da jemanden, der schon sehr lange zu meinem Leben gehört.
Vor einigen Monaten erfuhr dieser Mensch im Alter von 37 Jahren das, was niemand in keinem Alter erfahren will:
Krebs.
Und zwar in Form eines hochgradig aggressiven, metastasenfreudigen, miesen Dreckskarzinoms.

Die längst noch nicht obsoleten Behandlungsschritte: 16 Chemos, eine OP und danach tägliche Bestrahlung.
Mindestens ein Jahr lang nichts anderes als extreme körperliche Verelendung, aber dennoch Dankbarkeit, weil dieses diabolische Ding jetzt langsam aber sicher vor sich hinschrumpft und die entweder vorhandenen oder auch gar nicht existenten Mini-Metastasen gleich mit.

Dieser Mensch, über den ich gerade berichte, hat trotz seiner Krankheit stets ein offenes Ohr für seine Freunde (ausgenommen er hängt gerade über der Kloschüssel und kotzt sich die Seele aus dem Leib oder liegt mit hohem Fieber im Krankenhaus).
Dieser Mensch setzt sich aktuell aktiv gegen an Armut, Verfolgung und Hungerleid ein und hält all das auch noch für selbstverständlich.
Dieser Mensch hat sich entschieden, seinen Geist über seinen Körper regieren zu lassen und nicht umgekehrt.
Dieser Mensch will leben und ich bin mir ganz und gar sicher, dass er auch noch lange leben wird.

Und was mich angeht: Ich bin echt verdammt stolz, mit diesem Menschen befreundet zu sein.

 

Fürs neue Jahr

2015 war schwierig für mich. Andererseits: für welches Jahr galt das nicht. Schwierige Menschen haben eben schwierige Jahre. Viele von Euch wissen genau, was ich meine.
Auch 2016 werden bei mir noch schmerzhafte Veränderungen anstehen und mein Serotoninspiegel erlaubt mir derzeit ehrlich gesagt wenig Optimismus. Dennoch will ich hier einige Zukunftswünsche an mich selbst äußern, die auch den ein oder anderen unter Euch mantramäßig ein wenig motivieren mögen:

Ich möchte versuchen, mir neue Kraftquellen zu schaffen.

Ich möchte versuchen, mich mindestens genauso sehr über Positives zu freuen, wie ich mich über Negatives ärgere.

Ich möchte versuchen, mit mir selbst annähernd so gnädig zu sein, wie mit anderen.

Ich möchte versuchen, mich weniger schnell verunsichern zu lassen.

Ich möchte versuchen, mich so oft wie nötig auf meinen Verstand zu verlassen.

Ich möchte versuchen, in einem Aspekt meines Lebens, der mir viel bedeutet, merklich voranzukommen.

Ich möchte versuchen, etwas optimistischer zu denken.

Ich möchte versuchen, öfter als bisher im Hier und Jetzt zu leben.

Ich möchte versuchen, mehr aus meinen Fehlern zu lernen als bisher.

Ich weiß, klingt irgendwie alles ein wenig nach kitschigen Facebook-Sprüchen, gepostet von Leuten, die sich das Denken auch gerne mal abnehmen lassen. Ist aber ganz ernst gemeint. Und wenn ich etwas aufschreibe, erhöht das die Chancen, dass ich es auch umsetze, erheblich. So, als wäre es dadurch tiefer in mein Bewusstsein gekrochen.

 

Liebe Männer…

ich weiß, Ihr habt es nicht gerade leicht. Im Alter zwischen 5 und 75 seid Ihr im Kopf entweder bei Euren hormonellen Bedürfnissen oder Eurem Fußballverein. Als ob es in diesem Zustand permanenter Ablenkung nicht schon schwierig genug wäre, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, müsst Ihr in Eurer knapp bemessenen Freizeit für uns auch noch den verständnisvollen, aber dennoch durchsetzungsfähigen Partner oder sogar Familienvater spielen.
Aber eins sage ich Euch: Verglichen mit dem, was es bedeutet, eine Frau zu sein, ist das ist alles Kinderkacke.

Wir sollen emanzipiert sein wollen. Gleichzeitig müssen wir aber auch zähneknirschend hinnehmen, dass wir Euch gefallen wollen. Kein Wunder, denn jeder Mensch verdankt seine Existenz der sexuellen Anziehungskraft zwischen Mann und Frau. Psychologische und biologische Überlebenspläne bilden hier ein fettes, um nicht zu sagen adipöses Dilemma.
Damit hängt auch gleich das zweite Grundproblem des modernen weiblichen Wesens zusammen: Der Anspruch, den wir glauben, erfüllen zu müssen, ist einfach unerreichbar hoch. Eine „tolle Frau“ muss immer alle Rollen parat haben (sogar mit PMS oder Bauchkrämpfen): Sie ist schön, klug, beruflich erfolgreich, gesundheitsbewusst, sexy, anschmiegsam, stark, mütterlich und natürlich totaaal unabhängig.

Ganz nebenbei: Ich bin der Meinung, dass – falls es sie tatsächlich gibt – Angelina Jolie nur deshalb existiert, um jede andere Frau auf diesem Planeten zu traumatisieren.

Wo bleibt eigentlich der Mensch hinter all diesen anstrengenden Rollen? Ich weiß, dass es nicht allein Ihr bösen Männer wart, die das Modell Wonder-Woman erschaffen habt. Aber wie oft höre ich von Euch, liebe Männer, sagen, wir Frauen seien unlogische Wesen, denen man es nie Recht machen könne. Dann überlegt doch bitte mal, wie es uns bei diesem ganzen Chaos geht!
Also, in Zukunft haltet ihr bitte Euren Frauen jedes mal die Tür auf und gesteht ihnen gleichzeitig ohne Gegengestänker Beschwerden über Eure mangelnde Hilfe im Haushalt zu. Denn das ist nun mal das Mindeste, was Ihr, liebe Männer, bei all dem, was wir bewältigen müssen, für uns tun könnt.