Waldrausch

Projekt *.txt: Wald

Sediert durch moosgrünem Frieden,
beruhigt durch raschelnde Stille,
Klarheit, allein durchs Atmen.

Die Verzweiflung des Menschseins existent als ferne Erinnerung.

Der Kopf befreit von den Qualen des Denkens.
Das Herz ist Eins mit allem, was lebt.

 

Sie

Fängt und foltert Dich jedes Mal aufs Neue.
Raubt Dir Dein bisschen Vernunft.
Beherrscht Dein Denken und Handeln.
Saugt Dich aus und treibt Dich an.
Tarnt sich unverschämt lieblos als Liebe.
Frisst Dich auf und kotzt Dich wieder aus.
Und zwingt Dich zur Hoffnung.

Sie schwächt Dich.
Immer wieder, immer mehr.

 

Dämonen

Projekt *.txt: mittlerweile

Manchmal gehst Du mal mehr, mal weniger zufällig über eine uralte, morsche Brücke, die hinter Dir sofort zusammenbricht.
Und dann gibt es kein Zurück mehr, nie wieder.
Erfolgreich Verdrängtes umzingelt plötzlich Dein Bewusstsein und Schmerz, Hass, Panik, kurz, Dämonen aller Art richten sich dort häuslich ein.
Stillhalten, Aushalten, Durchhalten. Was vorher strategisch sinnvoll und machbar war, scheint nun unerträglich.
Es bleibt Dir nichts übrig, als Dich dem ungleichen Kampf gegen die finstere Armee zu stellen.
Es steht alles auf dem Spiel.
Du blickst ihnen mutig direkt in ihre bösen Augen und erwartest die ewige Folter der Hölle. Stattdessen weichen Deine Dämonen verwundert zurück, erst noch langsam, dann immer schneller, bis Du ihre Umrisse schließlich nur noch irgendwo am Rand Deines Bewusstseins erahnen kannst.
Du warst tapfer. Deine Belohnung heißt Entwicklung.

 

Die kalte Angst

Sie ist die von Dir verschmähte, verzweifelte Geliebte, die Essenz Deiner Alpträume, die Manifestation Deiner Einsamkeit.

Sie wittert Deine maßlose Erschöpfung, Deine Machtlosigkeit.
Sie kriecht aus ihrem Versteck tief in Dir selbst, schleicht sich feige an und umklammert Dich plötzlich und mit unerbittlich hartem Griff.
Du wehrst Dich tapfer aber kraftlos, doch je mehr Du das tust, desto heftiger antwortet ihre Umarmung.
Dann dringt sie in Dich ein bis sie tiefer in Dir ist als Du selbst es sein könntest.
Dort, an diesem fremden Ort, stößt sie immer und immer wieder zu, bis ihr Höhepunkt Deinen Verstand bersten lässt. Nur in diesem winzige Moment, aber für Dich dauert er ewig.

Danach lässt sie Dich immer wieder frei, denn sie will weiterspielen, immer weiter, bis dass der Tod Euch vielleicht scheidet.

 

Trübe Zeit

(Projekt *.txt)

Überall Chaos, innen wie außen.
Trauer, Verwirrung, Umzugskisten.

Ständige Übelkeit durch fettiges Essen und seelischen Stress.
Ergaunerte Hoffnung durch Bier am Nachmittag.

Alles irgendwie aufgedunsen.
Existiert die Welt da draußen noch?

Angst – nein vielmehr Paranoia die Zukunft betreffend.
Dann wieder Totalresignation. Wozu überhaupt noch nachdenken?

In jeder Ecke lauert Vergangenheit, die Gegenwart leer wie eine Wüste, die Zukunft fragwürdig.
Kaum noch etwas, das es zu verlieren gibt.
Nirgendwo mehr zu Hause.

 

Die gerade 5

Zur Zeit freue ich mich wie jedes Jahr über wunderbar sinnentleerte Plaudereien über das (immer noch) übertrieben polarisierende Dschungelcamp. Ich finds prima, mal über die maximalen Belanglosigkeiten des Lebens zu quatschen, mich einfach Albernheiten hinzugeben.

Meine Güte, haben wir nicht schon in unserem eigenen überprivilegierten mitteleuropäischen Leben so viel Kummer und Stress, dass wir ständig gegen das eigene Zerbrechen kämpfen müssen? Von dem Komplett-Desaster Menschheit möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.

Deshalb sage ich: Jeder sollte sich abreagieren dürfen, genau so wie er das möchte. Selbstverständlich abgesehen von der aufgezwungenen Schädigung anderer Menschen. Doch selbst wenn sich Hooligans abgesprochenerweise untereinander prügeln, ganz einfach, weil sie Bock drauf, finde ich das persönlich das völlig legitim.

Schaut Euch Euer eigenes Leben an: Die meisten von Euch müssen entweder den größten Teil Eurer der wachen Zeit Dinge tun, die Ihr gar nicht tun wollt oder bettelarm sein und Euch zusätzlich noch vom „Jobcenter“ demütigen lassen.

Und dann schaut Euch einfach mal das tägliche Elend in der Tagesschau an: Jeder Beitrag beweist, wie barbarisch die menschliche Rasse bis heute ist und wohl auch für alle Zeiten sein wird. Im Grunde genommen haben wir so gut wie nie auch nur das Geringste vergangenen Grausamkeiten gelernt.

Und dann regt „man“ sich ernsthaft über das Dschungelcamp auf? Diese menschenverachtenden, aber wenigstens gut bezahlte Z-Promi-Spielchen sind doch wohl ein Witz gegen all das, was Menschen sich jeden Tag, jede Minute tausendfach gegenseitig antun.

Natürlich kann jeder seinen winzigen Teil zur „Weltverbesserung“ beitragen; ist auch verdammt wichtig – nämlich für das eigene, vor Scham strotzende – Gewissen.

Wer alle diese Tatsachen erstmal in sein Bewusstsein hat eindringen zu lassen, der kann gar nicht mehr anders: Er muss albern oder zynisch mit dem Leben umgehen oder obsessiv Sport oder Sex betreiben oder sich auf diverse Arten zudröhnen oder zwanghaft intellektuelle oder stinknormale Onanie betreiben oder sich 20 Katzen in seiner Einzimmerwohnung anschaffen oder auf jede noch so sinnlose Demo rennen oder ständig Burger und Schokolade in sich reinstopfen oder an einen gütigen Gott glauben oder ebenso dauerhaft wie erfolglos nach der Liebe/dem Sinn seines Lebens suchen oder eben wenigstens einmal im Jahr das doofe Dschungelcamp genießen. Liebe Leute, verurteilt Euch nicht selbst. Das Stichwort lautet schlicht und ergreifend: Ablenkung.

 

NOCH ein Nachruf

Ich bin bekennende Musikbanausin. Dennoch verschloss selbst mir sich die Genialität seiner Werke nicht. Für mich – genau wie für viele andere auch – war David Bowie aber noch weit mehr als ein begnadeter Künstler. Er war die personifizierte Pop-Kultur. Und er war Hoffnungsträger.

Auch heutzutage in einer angeblich so aufgeklärten und modernen Welt passen sich die Menschen der Herde an. Ganz einfach deshalb, weil es in ihrer Natur liegt, gemocht zu werden. Viele sind sogar bereit, den höchstmöglichen Preis dafür zu zahlen – die Verleugnung ihrer selbst.
Bowie hat das nie getan. Er ist immer nur seiner eigenen Mission, seinem eigenen Willen, seiner Natur gefolgt.
Er hat sich mehrfach hochgradigen Abhängigkeiten hingegeben und selbige auch wieder überwunden. Er war Freigeist, bisexuell, enorm wandlungswillig und -fähig, Pionier, Familienvater, Wohltäter, Multimillionär und selbstverständlich auch Musikgenie.
Er war einfach alles, was er sein wollte und genoss trotzdem (und nicht gerade deshalb) weltweite Anerkennung. Kaum sonst jemand kann das aktuell noch von sich behaupten.

Es gibt natürlich Stimmen, die behaupten, die öffentliche Trauer um Bowie käme einer Art „Jesus-am-Kreuz-Verehrung“ gleich.
Dazu kann ich nur sagen: Selbstverständlich war Bowie „nur“ein Mensch und dabei normaler (will sagen: natürlicher) als die meisten seiner Zeitgenossen. Doch genau damit war er auch verdammt nah am Prinzip der Göttlichkeit dran. Zumindest wenn Ihr einen Freak wie mich fragt.
Ich habe ihn geliebt wie ich sonst nur jemanden lieben kann, den ich persönlich kenne. Allerdings ist mir das erst richtig bewusst, seit ich von seinem Tod erfahren habe.

 

Tanzen

Als ich noch so richtig jung war, ging ich abends aus, nur um zu tanzen.
Kaum an Ort und Stelle angekommen, stürmte ich nicht etwa an die Bar oder in die nächste dunkle Ecke sondern schnurstracks auf die Tanzfläche. Und dort blieb ich auch, selbst bei mäßiger Musik, glücklich für viele Stunden – einfach so. Tanzen, am besten mit der liebsten Freundin, war alles was ich wollte und brauchte. Das war so schön!

Die Jahre haben mir viel Neues geschenkt, aber meine Freude am Tanzen haben sie mir unmerklich genommen.

Als ich noch so richtig jung war, glaubte ich, dass ich alles, was ich damals liebte, für immer lieben würde.
Das war mein verdammt gut Grund, abends auszugehen, nur um zu zu tanzen.

 

Alles ist Rausch, jeder ist ein Suchti

Projekt *.txt, das zwölfte Wort „Rausch“:

Was fällt Euch zu den Begriff „Rausch“ ein? Assoziiert ihr damit verdreckte Junkies, die sich ihren Schuss auf offener Straße setzten? Oder nervtötendes pseudo-poetisches Gelalle spätnachts an der Theke? Oder doch eher das Wolke-Sieben-Gefühl des Frischverliebtseins?

Alles schon viel zu weit hergeholt. Jeder von uns erfährt jeden Tag Rauschzustände. Denn was ist ein Rausch anderes, als eine von außen hergestellte Beeinflussung der Hirnchemie mit dem Ziel, Wohlbefinden zu erreichen?
Da hätten wir sportliche Aktivität, das Relax-Bad am Abend, die Umarmung eines geliebten Menschen, die Dämmer-Phase kurz vor dem Einschlafen, Religiosität und natürlich geleistete Arbeit, die sich auf die ein oder andere Art auszahlt.
Dann gibt es da die schon etwas weniger harmlosen Alltagsräusche: Sei es der genüssliche Biss in den Schokoriegel, den man bereut, sobald er runtergeschluckt ist. Oder die spannende Serien, die einen geradezu dazu zwingt, immer weiter und weiter zu glotzen. Oder das Kaufen von schönen, aber nutzlosen Dingen, obwohl man kein Geld dazu hat. Oder Zocken. Oder Facebook. Oder alles andere.

Das Zauberwort hier heißt stets Kompensation. Je tiefer die schwarze Löcher man im Herzen, desto wichtiger der entschädigende Rauschzustand. Und je häufiger und exzessiver der Rauschzustand, desto größer die Suchtgefahr.
Und Sucht – ganz egal ob gesellschaftlich anerkannt oder zutiefst geächtetet – kann niemals etwas Positives sein, denn sie macht uns immer zu ihren Gefangenen.

Worauf will ich denn nun eigentlich hinaus? Nur darauf, dass man sich seine eigenen mehr oder minder harmlosen Schwächen ins Bewusstsein rufen sollte, bevor man über andere urteilt. Niemand möchte sich so sehr dem Rausch hingeben, dass er drogensüchtig, adipös, obdachlos oder wahnsinnig wird. Dennoch passiert es, denn es gibt schwarze Löcher, die einfach zu tief sind.
Könnten wir in die Herzen anderer sehen, wäre die Welt ein viel besserer Ort.

Glückstück

Was macht den Menschen denn nun glücklich? Liebe, Macht, Geld, Schönheit? Essen auf dem Tisch, Dach überm Kopf? Altruismus? Geborgenheit? Verantwortung? Natur? Freiheit? Familie? Die einfachen Dinge des Lebens? Extase? Meditation? Religion? Serotonin? Dopamin? Seelisches Gleichgewicht? Oder von allem etwas? Oder gerade nichts davon? Oder liegt ES tatsächlich irgendwo in der Mitte?

Kennt Ihr tatsächlich irgendeinen erwachsenen, halbwegs vernunftbegabten Menschen da draußen, der sich selbst ehrlich und dauerhaft als glücklich bezeichnen würde? Ich jedenfalls nicht.

Mit tatsächlich nur wenig Bitterkeit im Herzen behaupte ich, dass ich kein glücklicher Mensch bin, nie war oder sein werde. Aber ich will auch gar nicht. Der Preis ist mir nämlich zu hoch. Man müsste schon von Grund auf ignorant sein, um ewig freudestrahlend durch diese unsere Welt zu tanzen.

Ich glaube, dass wir den Zustand des „Glücklich Seins“ zur Gottheit erhoben haben, für die wir alles zu tun bereit sind. Sie offenbart sich uns aber höchstens mal als Erinnerung oder in glitschigen Momenten großer (Vor)Freude. Das Wesen des Glücks (und damit erzähle ich mal wieder niemandem was neues) liegt gerade in seiner eigenen Vergänglichkeit. Deshalb enden auch bloß Märchen mit „…und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“

Aber scheiß doch drauf, lebenswert ist das Leben trotzdem!