Die Höflichkeit der Könige

Ich hasse Unpünktlichkeit. Und ich hasse es, Unpünktlichkeit zu hassen, weil Warterei mich rasend macht. Es ist nicht etwa so, dass ich einfach bloß fahrig davon werde. Ab einem gewissen Punkt erreicht meine Nervosität ein Stadium der zerrend-pochenden Schmerzen, die ab dann Sekunde für Sekunde schlimmer werden. In dieser Situation würde ich mir gerne langsam und genüsslich Schicht für Schicht die Haut vom Gesicht kratzen oder mich sonst irgendwie vollständig dem Wahnsinn hingeben, Hauptsache ich werde irgendwie aus dem Zustand des Wartens erlöst.
Wüssten die Leute, was sie mir mit ihrer Unpünktlichkeit zumuten, würden sie mir diese Folter bestimmt ersparen.

Natürlich reagiere ich emotional viel zu extrem auf die Warterei. Dennoch stehe ich rational voll und ganz hinter meiner Ungeduldsmacke.
Jemanden ohne wichtigen Grund warten zu lassen, bedeutet, ihn fahrlässig seiner Lebenszeit zu berauben. Pünktlichkeit hingegen demonstriert genau das Mindestmaß an Respekt, welches im zwischenmenschlichen Miteinander eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.
Wohlgemerkt, ich rede hier nicht von ein paar Minuten oder dem akademischen Viertelstündchen. Ich rede von den chronischen Trödlern, die mindestens eine Stunde zu spät kommen ohne auch nur daran zu denken, diesbezüglich mal kurz eine SMS zu schreiben oder anzurufen und dann entgeistert oder sogar sauer sind, wenn man es wagt, sie höflich darauf anzusprechen.

Nein, ich mache mich nicht „mal locker“ und nein, mein Pünktlichkeitsfimmel macht mich nicht zur Spießerin. Jeder kann sein Leben für sich selbst gestalten, wie er möchte. Wer es aber nicht schafft, sich an einfache mitmenschliche Abmachungen zu halten, der zeigt damit kein charmantes Freidenkertum, sondern bloß bocklangweiligen und in wahrsten Sinne des Wortes asozialen Egoismus.

 

Ego-Altruismus

Ich war etwa vier Jahre alt und mit meinem Vater zu Fuß in der Stadt unterwegs, vermutlich auf dem Weg in den Zoo oder in die Eisdiele. Wir sahen einen VW-Käfer (♥) an der Ampel warten, dessen Besitzerin sich ihren bunten Rock in der Fahrertür eingeklemmt hatte. Mein Vater ordnete mir an, auf dem Bürgersteig zu warten, bahnte sich seinen Weg durch die anderen wartenden Autos hin zu der Rock- und Käferbesitzerin, klopfte an ihre Scheibe, wies sie auf ihr Missgeschick hin und rannte wieder zurück zu mir. Mittlerweile hatte die Frau die Tür geöffnet und ihren Rock reingezogen. Als die Ampel auf grün schaltete, winkte sie uns mit einem warmen Lächeln auf dem Gesicht und fuhr davon.

Dieses simple Erlebnis hat mich geprägt. Jedes Mal, wenn ich jemandem begegne, der in einer Unannehmlichkeit oder Notlage steckt, renne ich hin und versuche, zu helfen so gut ich kann.
Das tue ich alles nur zu einem einzigen Zweck: Um mir selbst zu gefallen.
Denn wann immer ich mich minderwertig, hässlich, dumm, einsam oder traurig fühle, wann immer mir danach ist, mich bis zum Ersticken in meinem Selbstmitleid zu suhlen, rufe ich mir in Erinnerung, dass ich zumindest ein Rückgrat habe, dass ich zumindest Eier in der Hose habe, dass ich zumindest schon mal zu irgendwas gut war.
Dann fällt mir manchmal auch wieder ein, wie sich der ein oder andere tatsächlich bei mir bedankt hat, wie mir erzählt wurde, dass viele andere zu ängstlich, ignorant oder beides waren und einfach weitergegangen sind, dass es nur wenige Menschen mit Zivilcourage gibt, obwohl ebendiese zu den größten zwischenmenschlichen Selbstverständlichkeiten zählen sollte.

Helft der alten Dame über die Straße, ruft die Polizei, wenn der Mann seine Frau ohrfeigt, fragt an der Unfallstelle, wie ihr helfen könnt statt zu gaffen und rüttelt den Penner, der mit geschlossenen Augen auf dem Bürgersteig liegt und vielleicht bloß seinen Rausch ausschläft, vielleicht aber auch ohnmächtig oder verletzt ist.

Tut es für Euch selbst!

 

Tapfer sein

Während ich morgens meine kleine Runde jogge, begegnet mir meist ein fröhlicher älterer Herr, der um diese Uhrzeit seinen Schnauzer Gassi führt. Er winkt mir dann immer freundlich zu und gibt mir bisweilen noch eine Durchhalteparole mit auf den Restweg.
„Sie sind aber mal tapfer!“, rief er neulich.
Das war natürlich nett gemeint, dennoch, mein zufälliger Freund hat mich mit dieser Aussage unabsichtlicherweise beschämt.

Es gibt jede Menge Menschen da draußen, die es verdient haben, als tapfer bezeichnet zu werden.
Einige davon kämpfen jeden Tag gegen Hunger oder Durst, andere gegen unvorstellbare Schmerzen oder tödliche Krankheiten, wieder andere im Krieg gegen staatlich vorgegebene Feinde und wieder andere für ihre natürlichsten Grundrechte.

Tapfer, nur weil ich morgens bisschen durch die Gegend jogge? Nein, echt nicht.

 

Plastik, Stein, Stahl

Wenn ich mich an den guten alten Talkshow-Zoff zurückerinnere, denke ich vor allem an jene geistig (und dental) benachteiligte Gäste, welche anderen ähnlich gestrickten Gestalten gerne vorwarfen, sie wären „falsch“, sie würden ihr „wahres Gesicht“ nicht zeigen.
Das kollektive Talkshow-Bewusstsein forderte stets Ehrlichkeit ein, ganz egal ob ein Kuckuckskind im Nest lag oder die Ex-Alte einfach bloß fremdgefickt/Kohle geklaut hatte.

Den frommen Wunsch nach Wahrhaftigkeit hegen nicht bloß die suboptimalen Gesellschaftsschichten, welche gerade für meine Einleitung herhalten mussten. Authentizität und Offenheit sind angeblich überall und zu jeder Zeit unheimlich wichtig. Wer sich hingegen hinter einer Fassade versteckt, möchte betrügen und täuschen.
Schon möglich.

Aber vergessen wir bei dieser Annahme nicht etwas ganz Entscheidendes? Die Welt da draußen ist leider viel zu kompliziert und schmerzhaft, als dass wir uns ihr dauerhaft ohne Schutz stellen könnten. Wir alle errichten Fassaden um uns herum, weil wir sie brauchen – nach innen mindestens genauso sehr wie nach außen.
Vielleicht kommt es vielmehr darauf an, welches Material wir für sie verwenden.

Bestehen sie aus Plastik, sind sie ungemein nützlich, aber künstlich. Bestehen sie aus Stein, sind sie stabil, aber starr und grau. Bestehen sie aus Stahl, ist sind absolut undurchdringlich, aber von beiden Seiten.
Bisschen zu metaphorisch? Meinetwegen.

Dennoch und auch wenn ich mich wiederhole: Wir alle bauen uns unsere Fassaden, sie bieten uns Stabilität und Schutz. Aber gleichzeitig halten sie uns natürlich auch gefangen.
Die Kunst kann immer nur darin bestehen, sie im richtigen Moment niederzureißen.

 

DEIN? Leben

Nochmals vielen Dank an Dominik Leitner/ Neon Wilderness für die Idee und Umsetzung des Projekts *.txt!

„Das musst Du wissen, es ist schließlich DEIN Leben“. Hasst Ihr diesen Satz auch so sehr wie ich? Der impliziert nämlich meistens, dass man gerade zu einer Handlung ansetzt, die das jeweilige klugscheißerische Gegenüber für einen verdammt groben Fehler hält.

Als Mensch hat man die Ehre, sich des kostbarsten aller Geschenke bewusst zu sein. Damit einher geht automatisch die Verantwortung für das eigene Leben, ganz egal, ob man sie überhaupt will und genauso egal, ob man sich dazu in der Lage fühlt.

Besitzen wir also tatsächlich unser Leben oder verhält es es nicht vielmehr genau andersrum?
Wir funktionieren, spielen Rollen, rackern uns ab, versuchen das Richtige zu tun. Und die meiste unserer wertvollen Zeit geht sowieso drauf, indem wir Dinge tun, die wir gar nicht tun wollen, damit wir ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch haben.

Ich möchte manchmal vor dem Leben, das angeblich in meiner Hand liegt, wegrennen. Irgendwohin, wo nichts und niemand irgendwas von mir abverlangt. Wo ich niemals Kompromisse machen muss. Aber ich weiß auch ganz genau, dass dieser Ort da draußen, in der großen weiten Realität nicht existiert.

Und dennoch, glücklicherweise finde ich manchmal den Weg.
Ich gelange dorthin, indem ich träume oder indem mein Kater schnurrt, weil ich sein weiches Fell kraule oder indem mein komplettes Blickfeld von einer satten grüne Landschaft erfüllt ist oder indem ich einen innigen Moment mit jemandem teile, der mir am Herzen liegt.
Dann bin ich dort, wo ich frei sein darf, dort, wo MEIN! Leben und ich uns für kurze Zeit wiederfinden.

 

Gleich, demnächst, irgendwann später

„Check mal Deine Mails, ich hab Dir das Angebot weitergeleitet.“
„Jaa, gleich. Erst muss ich noch die dreihundertachtundneunzig anderen ultrawichtichtigen Sachen. erledigen.“

Gleich. Ich verbinde damit Druck, Zwang, Versagen, Enttäuschung.
Ob der vielen Aufgaben, von denen ich nie genug bewältigen kann, bringt mich dieses kleine Wort dazu, vor Verzweiflung zu erstarren.
Auf längere und dadurch noch schwammigere Zeiträume übertragen, gibt es da ja auch noch Killer-Begriffe wie demnächst, bald, irgendwann später.
Mal wieder eine Freundin anrufen, von der ich schon lange nichts gehört habe. Endlich mein Blog-Design überarbeiten. Länder und Städte besuchen, die ich schon immer sehen wollte. Oder wenigstens mal auf einen Kaffee vor die Tür gehen.
….Und mich in Selbsthass suhlen, weil ich noch nichts davon umgesetzt habe.
Denn, wer weiß es schon, vielleicht bin ich ja auch gleich oder demnächst – ganz sicher aber irgendwann mal – tot und dann habe ich alles verpasst.

Sollen wir unsere begrenzte Zeit damit verplempern, uns selbst durchs Leben zu hetzen, oder verplempern wir sie, indem wir nicht genug von dem, was wir uns vorgenommen haben, auf die Reihe kriegen?
Diese Frage treibt mich manchmal echt zur Verzweiflung.
Echt jetzt, ich brauche Abstand zu diesem Dilemma, und zwar gleich – oder wenigstens irgendwann später.

 

Begegnung X

Selten im Leben, aber meist an einem durch und durch gewöhnlichen Ort wie auf der Straße, im Zugabteil oder an der Theke, trifftst Du plötzlich auf jemanden. Einen Menschen X, der Dich erkennt und Du ihn, obwohl ihr euch vorher noch nie begegnet seid.
Vielleicht führt ihr dann ein intensives, ein echtes Gespräch, vielleicht wechselt ihr aber auch nur ein paar kurze Worte oder ihr lächelt euch einfach nur gegenseitig an. Danach werdet ihr euch nie wiedersehen.
Ganz egal wie lange euer einziger gemeinsamer Moment dauert, Du fühlst Dich in ihm geborgen, alles ergibt ausnahmsweise mal einen Sinn. Jeder Mist, den Du gebaut hat, jede Heldentat, die Du vollbracht hast, jeder einzelne Deiner Gedanken und Atemzüge hat Dich zu dieser Begegnung geführt und Du wirst sie nie wieder vergessen.

 

K&K: Die Soziopathisantin

In ständig geringer werdenden Zeitabständen beschleicht mich das Gefühl, ich sei der einzige Mensch innerhalb eines nicht unbeträchtlichen Radius, der des angemessenen Umgangs mit anderen mächtig ist.
Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit legt nahe, dass es sich genau andersrum verhält, ganz wie bei dem alten Geisterfahrer-Witz. Also bin ich die Soziopathin? Vielleicht.
Dennoch werde ich weiterhin versuchen, mich meinen Mitmenschen gegenüber höflich zu verhalten, meine schlechte Laune nach innen abfließen zu lassen und als allerallerallererstes vor meiner eigenen Haustür zu kehren, bevor ich mich über den Dreck anderer beklage.
Ja, ich weiß. Mit dieser Geisteshaltung gehöre ich in die Klapse.

 

Aufm Zahnfleisch

Der Montag-Wecker trifft mich wie ein Schlag. Sofort befällt mich eine diffuse Wochenanfangs-Versagensangst. Mein mittelschwerer Sonntagskater hat sich über Nacht auch noch nicht vollständig verzogen. Ich bin mit der Gesamtsitutation äußerst unzufrieden.

Ganz ruhig, nur noch viermal schlafen bis Freitag. Bleib cool, trink Kaffee und geh dann erstmal laufen, das ordnet die Gedanken.

Die Rennerei hilft tatsächlich. Ich fühle mich stark, wenn ich morgens im Dunkeln durch die Gegend jogge. Und dank der aufputschenden Sport-Hormone kann der Tag jetzt meinetwegen kommen.
Die Vorbereitungsphase: eine langwierige, ernüchternde Prozedur vor dem Spiegel, Zigaretten vorstopfen und dabei jede Menge Kaffee trinken, von dem ich ständig pinkeln muss.

Was könnten wir heute essen? Ich sollte vor der Arbeit noch schnell zu DM, dann hab ich das schonmal hinter mir. Das Katzenklo nicht vergessen. Brauche ich noch Bargeld? Mal bei wetter.de nachschauen, ob ich den Schirm mitnehmen sollte. Meine Haare halten überhaupt nicht mehr. Ich muss diese Woche unbedingt noch zum Friseur. Aber erst Donnerstag oder so, vorher ertrag ich keinen Extra-Aufwand. Ich muss noch ne Flasche Coke-Zero fürs Büro einpacken. Oh mann, die Bude sieht schon wieder aus, als hätten wir am Wochenende Party gemacht.

Schnell noch gesaugt, danach bin ich endlich startbereit. Ich drücke dem Mann einen Abschiedskuss auf die Lippen und mache mich auf den Weg. Zwei Kilometer auf hohen Hacken.

Sollte ich doch mal den Bus nehmen? Nein. Zu geizig, kein Bock, dumm an der Haltestelle rumzustehen und viel zu viel körperliche Nähe zu Wildfremden, da werd ich bloß aggressiv. Außerdem: je mehr frische Luft, desto besser. Wenns nur mal ein bisschen wärmer wäre. Scheiße, mein rechtes Auge tränt schon wieder. Blöder Wind. Die Frau da hinten sieht aus, als hätte sie noch nie Kohlenhydrate gegessen.

Dann etliche Stunden arbeiten. Permanent in Alarmbereitschaft, immer auf Abruf.

Ich will nach Hause. Ich will nach Hause, ich will nach Hause, Ich will nach Hause. Ich will nach Hause, ich will nach Hause, Ich will nach Hause. Ich will nach Hause, ich will nach Hause, Ich will nach Hause. Ich will nach Hause, ich will nach Hause. Und so weiter.

Endlich Feierabend. Zwei Kilometer auf hohen Hacken zurück. Ständig warte ich genervt vor Fußgängerampeln. Natürlich regnet es, das erste Mal an diesem Tag. Aber wenigstens haben mich einige nasse Erlebnisse gelehrt, den Schirm nicht im Büro zu vergessen.

Uff, mir tun die Füße weh. Bin ich froh, wenn ich aus den Schuhen rauskomme. Und aus dem engen BH erst. Ich hasse BHs!! Gönne ich mir gleich ein Wein-Trösterchen? Nein, zu früh, heute ist erst Montag.

Tür auf und sofort maximal bequeme Sachen anziehen. Den Mann begrüßen, den Kater knuddeln, einen Tee – keinen Wein – trinken, Facebook checken, den Kater knuddeln, ein Kapitel lesen, kochen, essen, noch zwei Kapitel lesen, eine etwas weniger lange Bad-Prozedur, den Kater knuddeln, eine Serie in den Player schieben, den Sleeptimer anschalten und so tief wie möglich ins Bett kuscheln.

Nur noch viermal schlafen bis Freitag.

 

Die Gnade der Selbstironie

Manchen Leuten scheint die Sonne aus dem Arsch.
Ich meine hier nicht unbedingt die besonders erfolgreichen, schönen oder klugen unter uns, sondern vielmehr Menschen, bei denen das Serotonin von ganz allein Strömen fließt. Immer fröhlich, optimistisch und voller Energie.

Andere arme Schweine (beispielsweise ich) müssen sich schon unter alltäglichen Lebensbedingungen jede Menge Mühe geben, damit ihre Laune auf einem einigermaßen erträglichen Level bleibt – ganz zu schweigen von der ganzen Extra-Kacke, die im Laufe der Zeit auf einen zuschwappt und den quälenden Schuldgefühlen denjenigen gegenüber, die WIRKLICH schlecht dran sind.
Zu allem Überfluss gibts dann ja auch noch den nur allzu wahren Klugscheißerspruch „Selbstmitleid hilft auch nicht weiter“.
Was also können wir unverbesserlichen Pessimisten denn überhaupt gegen unser chronisches Gejammer tun?

Ganz einfach: Uns über uns selbst lustig machen.
Wer es schafft, zumindest ab und zu Abstand zur eigenen Nörgelei zu gewinnen, ja sogar drüber zu lachen, der trickst sich selbst aus, dreht die Spirale um und verwandelt saure Zitrone in lecker Limonade.
Eine prima Sache, wenn ihr mich fragt.