Plastik, Stein, Stahl

Wenn ich mich an den guten alten Talkshow-Zoff zurückerinnere, denke ich vor allem an jene geistig (und dental) benachteiligte Gäste, welche anderen ähnlich gestrickten Gestalten gerne vorwarfen, sie wären „falsch“, sie würden ihr „wahres Gesicht“ nicht zeigen.
Das kollektive Talkshow-Bewusstsein forderte stets Ehrlichkeit ein, ganz egal ob ein Kuckuckskind im Nest lag oder die Ex-Alte einfach bloß fremdgefickt/Kohle geklaut hatte.

Den frommen Wunsch nach Wahrhaftigkeit hegen nicht bloß die suboptimalen Gesellschaftsschichten, welche gerade für meine Einleitung herhalten mussten. Authentizität und Offenheit sind angeblich überall und zu jeder Zeit unheimlich wichtig. Wer sich hingegen hinter einer Fassade versteckt, möchte betrügen und täuschen.
Schon möglich.

Aber vergessen wir bei dieser Annahme nicht etwas ganz Entscheidendes? Die Welt da draußen ist leider viel zu kompliziert und schmerzhaft, als dass wir uns ihr dauerhaft ohne Schutz stellen könnten. Wir alle errichten Fassaden um uns herum, weil wir sie brauchen – nach innen mindestens genauso sehr wie nach außen.
Vielleicht kommt es vielmehr darauf an, welches Material wir für sie verwenden.

Bestehen sie aus Plastik, sind sie ungemein nützlich, aber künstlich. Bestehen sie aus Stein, sind sie stabil, aber starr und grau. Bestehen sie aus Stahl, ist sind absolut undurchdringlich, aber von beiden Seiten.
Bisschen zu metaphorisch? Meinetwegen.

Dennoch und auch wenn ich mich wiederhole: Wir alle bauen uns unsere Fassaden, sie bieten uns Stabilität und Schutz. Aber gleichzeitig halten sie uns natürlich auch gefangen.
Die Kunst kann immer nur darin bestehen, sie im richtigen Moment niederzureißen.

 

2 thoughts on “Plastik, Stein, Stahl

  1. Recht hast du. Nur: Wer lehrt uns diese Kunst die Fassade fallen zu lassen, wenn doch jeder darauf bedacht ist seine nicht bröckeln zu lassen?

    • Das ist eine sehr gute Frage. Ich würde sagen, es sind die Menschen, die es gut mit uns meinen. Das „Herausfiltern“ dauert lange, aber es gibt nichts, was sich mehr lohnt.

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