Konformterroristen

Eins gleich vorneweg: Jeder soll so leben dürfen, wie er möchte. Wer täglich sein Gelsenkirchener Barock mit der Zahnbürste wienern, gruselig grinsende Porzellanfigürchen sammeln und Florian Silbereisen anbeten möchte, der kann das von mir aus gerne tun.

Den echten, reinrassige Spießer zeichnen aber leider weitaus unangenehmere Merkmale aus. Er ist konform bis ins Mark, süchtig nach Regeln, die ihm das Denken abnehmen und vor allem vollkommen intolerant gegenüber allen, die seine starren Standpunkte nicht teilen. Er terrorisiert Kollegen, Nachbarn und Fremde mit seinen geliebten Vorschriften, je mehr es davon gibt und je sinnloser sie sind, desto besser.

Denn wer glaubt, dem Konformterroristen aus dem Weg gehen zu können, indem er sich an seinen Zucht- und -Ordungsschwachsinn hält, der irrt. Ein echter Spießer sucht ständig naserümpfend nach Regelbrüchen und wird auch immer fündig. Er schnüffelt im Leben anderer, um sich am Anprangern von Ordnungswidrigkeiten aufzugeilen. Sein Stock im Arsch dient ihm als Prothese für das nicht vorhandene Rückgrat.

Im Krieg gegen den Konformterror kann das Opfer als vorübergehende Abwehrmaßnahme zu Mitteln wie der unterschwelligen Verachtung oder dem in Höflichkeit verpackten Sarkasmus greifen. Die hohle Birne des Angreifers kann solche Feinsinnigkeiten nicht verarbeiten und er wird sich zunächst verwirrt zurückziehen. Doch Vorsicht, der wahre Spießer lässt niemals locker, denn er zieht seine gesamte Lebensenergie aus selbst herbeigeführten Zwistigkeiten. Er wird wiederkommen, sich erneut an seinem armen Opfer festkrallen und ihm seine Freiheit bis zum letzten Tropfen aussaugen. Wer sich retten will, dem hilft schlussendlich also doch nur die Flucht, in der leisen Hoffnung, dem nächsten Konformterroristen nicht allzu bald über den Weg zu laufen.

 
(Bild:©Dieter_Schuetz, www.pixelio.de)

8 thoughts on “Konformterroristen

  1. Hehe. Gut erkannt. Der wahre Spießer ist der Konformist. Derjenige, der beim nächtlichen Überqueren einer roten Ampel als Fußgänger in völliger Abwesenheit von Autos (und Kindern, denen man ein schlechtes Beispiel sein könnte) trotzdem noch brüllt: Da ist „ROOOT!“

    Trotzdem noch etwas Klugscheißerei: Anarchie ist nicht, wie immer wieder postuliert wird, die Abwesenheit von Regeln. In der Anarchie werden die Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders durch die Normen der Menschen bestimmt. (Normen also wie „Tu niemandem weh“ etc). Eine Abwesenheit von Normen (und soziale Ordnung sowie aus den Normen abgeleitete Regeln) wäre die Anomie.
    Daher ist Anarchie auch gar kein so unerstrebenswerter Zustand der Gesellschaft. Die Anomie dagegen ist es mit Sicherheit, denn gesellschaftliches Leben ist selbstverständlich nur mit einem gewissen Regelsatz, an den sich alle halten, möglich. Das Beispiel mit dem Blinker ist super! Denn im Straßenverkehr kann diese Nicht-Einhaltung einer verbindlichen Regel schnell gefährlich werden. Das lässt sich 1:1 auf die Gesellschaft übertragen. Was allerdings vor allem in Deutschland ein Riesenproblem ist: Es gibt ausgedachte, nicht aus Normen abgeleitete, völlig sinnfreie Regeln für schlicht alles! Für den Konformisten an sich eine großartige Situation, denn Regeln verschaffen ihm ein Gefühl von Sicherheit, reduzieren die Komplexität und geben ihm eine bestimmte gesellschaftliche Macht – und das Verhalten hat eher etwas mit einem pathologischen Bild denn mit der Verehrung von Florian Silbereisen zu tun, aber das hast Du ja ganz oben bereits gesagt 😉
    Schöner Blog, Klugscheißerei wieder aus. War mir nur wichtig.

    • Hallo Juna,

      ich gebe Dir Recht und empfinde Deine Anmerkungen nicht als Klugscheißerei. Wenn man mit Worten um sich schmeißt und sie sogar noch veröffentlicht, sollte man auch deren genaue Bedeutung kennen. Also: ich hab wieder was gelernt heute, vielen Dank!

  2. Aber sind nicht manche Regeln auch nützlich und in manchen Fällen sogar unverzichtbar? Bin ich (schon) spießig, wenn ich mich manchmal darüber aufrege, dass es Zeitgenossen gibt, die nicht die geringste Ahnung zu haben scheinen, wie man den kleinen Hebel links am Lenkrad bedient? Nur ein Beispiel – aber eins, an dem Sich die Geister scheiden.

    Eigentlich würde ich mich (ja) gerne als Nonkonformist bezeichnen – aber ist ein solches Etikett nicht auch schon Terror?

    • Es gibt definitiv nützliche Regeln, ich bin sicherlich keine Anarchistin. Mir geht es hier einzig und allein um verbitterte und/oder gelangweilte Menschen, die Regeln „missbrauchen“, um andere damit zu tyrannisieren.

      • … die vom Typus „Oberlehrer“ – die sterben wohl nie aus *seufz* … gerade dann tut ein bisschen Anarchie besonders gut, finde ich. Die Reaktionen darauf sind so schön vorhersehbar …

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