Jenseits der Schmerzgrenze

Ich berichte alles andere als eine Neuigkeit, wenn ich jetzt und hier feststelle, dass der allgemeine Sinn für Privatsphäre enorm gesunken ist, seitdem jeder sein Telefon überall hin mitschleppt. Um meines Seelenfriedens willen muss ich dennoch nachdrücklich und wann immer sich mir die Gelegenheit bietet darauf hinweisen, dass mir lautes und ewig langes Gequatsche in der Öffentlichkeit ganz grässlich auf den nicht vorhandenen Sack geht. Besonders großer Quatscher-Groll erfüllt mich regelmäßig in Zügen, Bussen und S-Bahnen, denn dort ist sofortiges Entkommen unmöglich.

Bekanntermaßen hat das Smarthphone mittlerweile das Handy vom Thron gestoßen und viele Leute aktualisieren inzwischen in öffentlichen Verkehrsmitteln zwanghaft alle 10 Sekunden ihre Facebook-Status (jaaa, Status mit lang ausgesprochenem „u“ ist der Plural von Status). Dieser Irrsinn geht aber wenigstens leise vor sich und bewahrt mich davor, all das aufzuschnappen, was ich niemals NIEMALS aufschnappen wollte.

Leider gibt es die Quatscher aber trotzdem noch, im Zug beispielsweise immer exakt einen pro Abteil. Und so hatte ich neulich (wie so oft) das Pech, mir den Platz direkt gegenüber einer besonders penetranten Abteil-Quatscherin ausgesucht zu haben. Da meine Aggressionen auf die Dame während ihres 15minütigen Gesprächs stetig gewachsen sind, befreie ich mich im Folgenden von ebendiesen, um in Anschluss der Menschheit wieder mit meinen ausgeglichenen und fröhlichen Wesen dienen zu können:

Sie war um die 20 und eine weibliche Studierende. Ich nenne sie ganz bewusst nicht Studentin, denn weibliche Studierende tragen im Gegensatz zu Studentinnen eine aufdringlich brave, aufdringlich langweilige und aufdringlich politisch korrekte Außenwirkung mit sich herum. Außerdem schaffen sie es irgendwie, permanent beleidigt auszusehen und haben fast immer diese guttural-quengeligen und anmaßend lauten Stimmen.

Ausführlichst besprach sie mit ihrer weiblichen Studierenden-Freundin am anderen Ende der elektromagnetischen Leitung folgende drei Themenkomplexe:

  1. Sie wolle eine andere, vermutlich etwas weniger unerträgliche Dame, ausdrücklich NICHT beim nächsten Coctailabend dabei haben, die sei nämlich „irgendwie komisch“ zu ihr gewesen. (gibt es auf dieser Welt irgendwas beknackteres als Coctailabende?)
  2. Abends zuvor sei sie mit ihrer Freundin in Saarbrücken (Startbahnhof) ausgegangen, aber nur zum Essen und nicht „in die Disco“ und Saarbrücken sei „sehr nett“, aber Heidelberg sei „von den Häusern her und so doch schon noch schöner.“
  3. Sie sei für die folgenden vier Wochenenden ja schon sooh dermaßen verplant, unter anderem fahre sie auf eine Weinmesse (unfassbar: mit 20 hat nicht auf Weinmessen zu fahren. Man hat gefälligst Vodka auf Parkbänken zu trinken).

Es mag maßlos übertrieben klingen, aber an diesem Tag wurde mir schmerzlich bewusst, dass mich wildfremde Menschen allein durch ihre langweiligen Geschichten aus ihrem langweiligen Leben traumatisieren können. Da meine Psyche ohnehin schon etwas zu viel Laste spazieren trägt, ist es ist vielleicht an der Zeit, mir ein ein Auto zu kaufen oder zumindest einen MP3-Player.

 

4 thoughts on “Jenseits der Schmerzgrenze

  1. Oh!!Wie gut! Ich bin nicht allein mit dem Gefühl! 😉
    Genauso so erging es mir gestern auch in der S-Bahn von SB nach Saargemünd und ich hab mir geschworen, nie wieder so eine „weite Strecke“ mit der Bahn zu fahren!! …Eigentlich hatte ich mir den Feierabend gemütlicher vorgestellt, aber die Bahnfahrt hat mich letztendlich soviel an Nerven gekostet, das ich nur noch zurück nach Hause wollte, um zu entspannen. Ich glaub die Personenbeschreibung betrifft genau das Abteil indem ich auch saß! Genau die selben Gespräche, die man zwangsläufig mitbekommt und ab einem gewissen Punkt am liebsten sagen würde: „Mensch! Halt doch endlich einfach mal deine Fresse! Merkst du denn nicht, das selbst Dein Gegenüber dir seit ner halben Stunde keine Antwort mehr gibt und dir nicht mehr zuhören kann?!“ -„Und etwas Körperpflege würde eventuell auch nicht schaden!“ (..die Wut ballt sich eben von Station zu Station..) …und daneben die gaggernden Hühner, die sich über irgendein Mädel aufregen, das heut im Unterricht so ein billiges Shirt getragen hat…und so weiter…grelles Licht, quietschende Türen und Geruchsparty…sowas kann schon anstrengend sein! Input, bzw. geistiger Dünnschiss von allen Seiten, der einem die Energie raubt!
    …ich hab mich gestern echt gefragt, woher die Aggression kommt und wie ich sie stillen kann und ob ich eventuell hypersensibel und in der Hinsicht etwas dünnhäutig geworden bin…bis ich Deinen Blog gelesen habe! 😀 :-*
    ..ich glaub das nächste Mal diskutier ich einfach mal mit…vielleicht war das auch deren Absicht…daher die Lautstärke…oder ich fahr nur noch Kurzstrecken…schade, das wir uns nicht getroffen haben – dann hätten wir´s ihnen gegeben!!! 😉
    schade, das wir uns nicht getroffen haben, dann hätten wir´s Ihnen gegeben!! 😉

    • Das klingt, als wärst Du einem noch größeren Nervtöt-Faktor ausgeliefert gewesen als ich letztens. Ich glaub schon, dass wir da vergleichsweise hypersensibel sind, aber diese Art der Dünnhäutigkeit bewahre ich mir gerne, sonst käme ich vielleicht selber noch auf die Idee, in öffentlichen Räumen meine Lebensgeschichte preiszugeben.
      Man sollte die Leute tatsächlich lautstark auffordern, mal für ein paar Minuten still zu sein, aber ich bin leider zumindest meistens zu feige und hab doch eher schriftlich und hinterher die große Klappe. 😉

      • Dem schließ ich mich an. Allerdings bezweifle ich auch, das diese Leute wirklich der Aufforderung nachkämen und bevor das Gnaze eskaliert, halte ich mich auch lieber mit meinen Äußerungen zurück und schmeiße eher mal den einen oder anderen genervten Blick rüber. Jedenfalls tut es gut sich hinterher den nervlichen Ballast von der Seele zu schreiben. 😉
        Wünsch dir noch nen schönen, entspannten Sonntag.

        • Nachträglich ebenso, liebe Jenny. Es tut mir auch gut, den Bericht einer „Leidendsgenossin“ zu lesen. Bis bald und Kuss!

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