Im Höllenschlund

Ab und an verschlägt es mich zu wirklich später Stunde in die eigen- und einzigartige Welt der Spelunken. Barhocker an Barhocker sitzen dort übriggebliebene Partygänger, langzeitarbeitslose Alkis, vom Rentendasein gelangweilte Professoren a.D. und Huren, die sich ihren Feierabend-Drink gönnen. Ohne diese aus Verzweiflung geborene Toleranz zu sehr romantisieren zu wollen, muss ich doch sagen, dass sich das Abtauchen in die Szene der Resignierten und Abgestürzten meist als interessant oder zumindest als angenehm kurios erweist. Oft ergeben sich zwar gelallte, aber bemerkenswert konstruktive Gespräche und falls man sich irgendwann doch nichts mehr zu sagen hat, prostet man sich einfach stundenlang zu.

Neulich war ich allerdings in einem Etablissement, dessen Atmosphäre mich aufrichtig schockiert hat, was ehrlich gesagt nicht einfach ist. Schon beim Betreten der rein optisch recht gemütlich anmutenden Kneipe hatte ich das Gefühl, in ein bizarres Chaos geraten zu sein. In der Luft lag weit Schlimmeres als die, in Kaschemmen übliche, selige Schnapslaune, die manchmal spontan in eine leicht zähmbare Aggression umkippt und dann allerhöchstens zu Veilchen und vorübergehenden Hausverboten führt. Die Stimmung in DIESER Kneipe war anders, sie war wahrhaftig kaputt.

Das harmloseste Drittel des dortigen Publikums war Anfang bis Mitte zwanzig und bis knapp über den Rande des Wahnsinns verstrahlt. An der Theke hockten einige raustimmige, dürre und Sonnenbank-schwarzgebrannte Frauen um die 45, die Ausschau nach Frischfleisch hielten, in der Hoffnung, ihre French-Krallen auf der Toilette in selbiges reinrammen zu dürfen. Eine weitere anwesende Fraktion war die, der ewig spitzen, ewig versoffenen Säcke, vermutlich in gleicher Kombo und Barhocker-Reihenfolge täglich dort anzutreffen. Alles, was Titten hatte und ihnen zu Nahe kam, wurde begrapscht oder zumindest verbal belästigt. Einer dieser Herren ließ es sich nicht nehmen, meine Bekannte, mit der ich gekommen war, über einen längeren Zeitraum mit perversen Zungengrimassen zu beglücken. Viele der dort Anwesenden bemerkten seine unkonventionellen Balz-Bemühungen aber es griff niemand ein. Ich gehe felsenfest davon aus, dass derartiges Gebaren dort einfach üblich ist und niemand auf den Gedanken gekommen ist, wir könnten uns davon gestört oder gar verletzt fühlen.

Da ich ein klein wenig seltsam bin, kann ich all diesen Gestalten noch keine sonderlich schockierende Seite abgewinnen.

Allerdings gab es da noch eine weiteren Menschenschlag: Ein nicht unwesentlicher Anteil der Kneipenbesucher war nämlich – um es mal vorsichtig auszudrücken – politisch eher gestrig gesinnt. Damit will ich nicht sagen, dass die Kneipe halbvoll mit Glatzen war, nein, man musste schon etwas genauer hinsehen. Wer das aber tat, bemerkte schnell das ein oder andere Symbol, die ein oder Klamottenmarke oder einfach den ein oder anderen hochgradig tumben und aggressiven Gesichtsausdruck. Genau diese Gäste waren es dann auch, die die meiste Zeit für das ohrenbetäubend laute Gebrüll aus der Musikbox sorgten. Eigentlich habe ich gar kein besonders großes Problem mit den Böhsen Onkelz, aber in diesem Rahmen schnürten sie mir dann doch gewaltig der Hals zu, zumal in den zwei Stunden (ja, wir waren tatsächlich so lange dort, denn wir haben trotz aller Widerwärtigkeiten den Absprung nicht früher geschafft) kaum mal ein andere Interpret randurfte. Zu allem Überfluss schenkte mir dann eine der raustimmigen Damen noch einen kurzen und unfreiwilligen Blick auf ihr Smartphone. Als Wallpaper war dort Edward Norton mit einem Hakenkreuz-Tatoo auf dem nackten Oberkörper abgebildet. Bezogen auf meinem Gesamteindruck dieser sehr speziellen Spelunke musste ich davon ausgehen, dass die Dame den großartigen Film American History X nicht verstanden hat und ich wusste: es war allerhöchste Zeit, zu gehen.

Dem Sog des Höllenschlunds doch noch heil (…) entkommen, war ich so froh wie nie, mich übernächtigt und verpeilt in der grellen Öffentlichkeit der Innenstadt zu befinden. Als ich endlich zu Hause angekommen war, fühlte ich mich durch die Kombination aus Kater und Erlebtem schwer geknickt, um nicht zu sagen psychisch angekratzt. Doch dank einigen Tagen des Nachdenkens, des zwanghaft häufigen Duschens und dieses Textes als Verarbeitungsinstrument, kann ich der Erfahrung Höllenschlund dann doch noch etwas Positives abgewinnen: nämlich die Freude über die Tatsache, dass ich nie wieder in dorthin zurück muss.

 

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