Ich leiste, also bin ich

Wenn ich meinen Kater Ossi bei seinem alltäglichen Müßiggang beobachte, werde ich neidisch. Er erachtet sein Nichtstun als selbstverständlich und genießt jede Sekunde. Niemand erwartet von ihm, dass er Leistung erbringt, am allerwenigsten ich. Wer allerdings das Pech hat, ein Mensch zu sein, muss sich seine Daseinsberechtigung erarbeiten. Dabei genügt es längst nicht, sich zu bemühen, nein, es zählt ausschließlich das Ergebnis. Man muss effizient, „relevant“ sein, wie die vorderen google-Ergebnisse und das gilt nicht nur für den Job. Dank Web 2.0 gibt es Rankings für fast jede Lebenslage und sogar die Anzahl der Facebook-Likes und -Kommentare gibt Auskunft über die gefühlte Wichtigkeit eines Beitrags. Wer gewinnt, hat automatisch Recht, wer verliert schämt sich vor anderen und vor sich selbst. Psychische Krankheiten wie Burnout und Depression feiern dank des permanenten Leistungsdrucks Hochkonjunktur. Alte Menschen sind wertlos, weil unproduktiv und warten in Heimen auf ihren Tod.

Wo soll das alles enden? Vielleicht in der – in diesem Zusammenhang oft bemühten – „Schönen neuen Welt“, wo Menschen nach gesellschaftlichen Kasten gezüchtet werden, einzig und allein existent, um der Gesellschaft mit ihren, seit dem Reagenzglas für sie vorbestimmten, Aufgaben zu dienen.

Sind es nicht sogar die vermeintlich Schwächsten, die die größte Leistung vollbringen, nämlich in dem Wissen zu leben, dass sie als Verlierer wahrgenommen werden? Dennoch erwische ich mich manchmal, wie ich jene „Ausgestoßene“ beneide, die morgens ihre Münzen zusammenkratzen, um sich im Supermarkt Bier oder kleine Schnapsflaschen zu kaufen und mit ihrer Beute in ihre winzig kleine Wohnung oder gar auf ihren Bettelplatz in der Fußgängerzone zurückkehren. Keine Verpflichtung (außer vielleicht ab und zu einen Placebo-Termin beim „Jobcenter“), keine Rechenschaft, kein Leistungsdruck.

Ich gebe zu, es ist nicht alles schwarz oder weiß. Viele Menschen schaufeln sich ihren gesunden Mittelweg durch den Leistungs-Dschungel. Dennoch besteht ein klare Tendenz hin zur Entwertung nicht-effizienter Charakterzüge. Wenn wir nicht auf der Hut sind, schätzen wir uns selbst und andere in nicht allzu ferner Zukunft ausschließlich für vollbrachte Arbeiten. Eigenschaften wie Uneigennützigkeit oder Integrität werden keine Rolle mehr spielen. Und das wäre, zumindest meiner Ansicht nach, eine Katastrophe.

 

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