Gewissenspisse

Wäre ich in einen Kannibalenstamm hineingeboren worden, würde mich beim Verzehr von post-ermordetem Menschenfleisch nie und nimmer das schlechte Gewissen plagen.
Wäre ich ein Mann aus dem Jemen, empfände ich es als normal, ein neunjähriges Mädchen zu heiraten und diese Ehe natürlich auch zu vollziehen.
Was ich mit diesen beiden extremen Beispielen sagen will: Wertemaßstäbe und die damit verbundenen Gewissensstandards gelten bloß innerhalb der jeweiligen kulturellen Einheit.

In unseren Breiten entsteht schlechtes Gewissen, wenn man jemand anders durch das eigene Handeln seelische oder körperliche Schmerzen zugefügt oder bloß daran gedacht hat, jemand anders durch das eigene Handeln seelische oder körperliche Schmerzen zuzufügen oder wenn man sich auf die ein oder andere Weise politisch unkorrekt verhält (was übrigens zwangsläufig jeder tut, der sich innerhalb unserer Gesellschaft bewegt – und zwar ständig) und mal kurz vergisst, ebendies zu verdrängen.
Kein schlechtes Gewissen machen uns hingegen einige Sünden, die wir an uns selbst begehen. Wer sich beispielsweise physisch oder psychisch kaputt arbeitet, hungert bis zur so genannten Traumfigur oder sich sonstwie geißelt, damit er den gesellschaftlichen Maßstäben möglichst perfekt entspricht, wird sich selbst eher mit Wohlwollen betrachten.

Mal ehrlich: Warum haben wir überhaupt Moralvorstellungen? 
Der Mensch als solcher braucht nun mal Orientierung und ist frei nach Nietzsche zu faul, sich seine eigenen Grenzen zu setzen. Daher bedient er sich jener, die für seine kulturelle Herkunft gelten. So gesehen ist unser Gut und Böse nicht viel mehr als der kleinste gemeinsamen Nenner menschlicher Bequemlichkeit.
Doch solange wir uns innerhalb einer Gesellschaft bewegen wollen, müssen wir uns mehr oder minder an die vorgegebenen moralischen Spielregeln halten. Dennoch schadet es nicht, sich selbst vor Augen zu führen, dass woanders andere Prinzipien, weit jenseits unserer Vorstellung von Recht und Unrecht existieren. Über den Tellerrand blicken heißt immer, Neues zu erfahren und dadurch Altes zumindest zu hinterfragen. Letztendlich bedeutet die rationale Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewissen also auch eine kleine Trainingseinheit in Sachen Eigenständiges Denken. Eine Übung, die dem Individuum als solchem noch selten geschadet hat.

 

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