Die Zahnarztgattinen-Tragödie

Eine Zahnarztgattin ist eine mit einem Zahnarzt verheiratete Frau? Nein, jedenfalls nicht zwangsläufig. Es handelt sich hier um eine Sammelbegriff für all jene mehr oder weniger wohlhabenden Damen, die fest dazu entschlossen sind, in der Öffentlichkeit mit Schönheit und Stilgefühl zu glänzen, an diesem Vorhaben aber so kläglich scheitern wie kaum jemand sonst.

Die Zahnarztgattin lässt sich gerne in Mittel-bis-Oberklasse-Cabriolets sehen, wo sie nach den Blicken ihrer Ampel-Nachbarn giert. Sogar noch öfter trifft man sie aber in noblen Einkaufsgassen an, wo sie ihre falschen Nägel in edle Boutique-Tüten krallt, in denen sich kitschige, vor allem aber möglichst überteuerte Kleidungsstücke und Wohnaccessoires befinden.

Das Erscheinungsbild der Zahnarztfrau erinnert stark an eine besonders bösartige Karikatur. Sie ist eine gruselige Kunstfigur, entstanden aus der eigenen verzerrten Selbstwahrnehmung: Ihr Gesicht wirkt durch diverse Eingriffe merkwürdig aufgedunsen, ihr Make-Up wie aufs Gesicht gespachtelt und an ihren Ohren und Armen baumelt massenhaft goldverziertes Gehänge. Während sie glaubt, dass sie stolziert, stakst sie mit ihren hohen Pfennigabsätzen unbeholfen auf dem Kopfsteinpflaster. Während sie glaubt, ihr „ich bin wer“-Blick sei würdevoll , sehen andere die Miene einer verbitterten Frau. Und schaut sie Spiegel, glaubt sie ein junggebliebenes Gesicht statt der tatsächlichen verwelkenden OP-Fratze wahrzunehmen.
Ununterbrochen verwechselt die Zahnarztgattin verschrockene Fremdscham mit bewundernden Blicken und hat offensichtlich niemanden an ihrer Seite, der schlau oder ehrlich genug ist, sie über diesen desaströsen Irrtum aufzuklären.

Für mich existiert die Zahnarztgattin einzig in der Öffentlichkeit. Darüber, in wen oder was sie sich ohne Publikum verwandelt, könnte ich nur wage Vermutungen anstellen. Was ich aber weiß ist, dass auch sie nur eine von vielen tragischen Ausgeburten einer Gesellschaft ist, die ganz einfach zu viel von ihren Mitgliedern verlangt.
 

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