Der Sonntagnachtmittag-Blues

Dem ein oder anderen wird folgendes Problem bestimmt bekannt vorkommen: Egal, ob die Sonne scheint oder Regen vom Himmel fällt, egal, ob man am Wochenende gesumpft, gefaulenzt oder gearbeitet hat und fast egal, ob man überhaupt die Qualen eines Berufsalltags ertragen muss – am Sonntagnachmittag schleicht sich regelmäßig und unweigerlich der Blues ein.

Er sucht längst nicht jeden heim, aber er wittert all jene, die eine natürliche Anfälligkeit für Melancholie, Angst oder Depression mit sich herumtragen, denn von diesen Zuständen ernährt er sich und wird umso fetter, je ausgeprägter die jeweilige Neigung vorhanden ist.
Unser geistiges Auge wird jeden Sonntagnachmittag von dem Bild eines Mount-Everests an bevorstehenden Wochen-Pflichten befallen und genau die daraus entstehende Panik macht sich der Blues zunutze: Gegen 13:00 Uhr kriecht er krakenartig aus seiner dunklen Dimension, schleicht sich erst von hinten an seine Opfer heran, umklammert sie, verschlingt sie am Stück, verdaut all die herrlichen Gefühle der Qual und scheißt die für ihn unbekömmlichen, weil positiven, emotionalen Überreste gegen 19:00 Uhr satt und zufrieden wieder raus. Anschließend kriecht er dann nach Hause zurück, vermutlich, um sich zum Nachtisch Depressions-TV (Lindenstraße und Tatort) zu gönnen.

Am Sonntagnachmittag herrscht Ruhe, die Welt scheint sich für ein paar Stunden nicht mehr weiterzudrehen. Der Blues kommt mir vor wie eine Art Massendepression, die uns befällt, weil wir als „moderne Menschen“ diesen Zustand der Stille nicht mehr aushalten können, weil wir ständig weiterkommen müssen, weil wir uns in diesem kleinen Zeitfenster auf uns selbst zurückgeworfen fühlen und nicht wissen, was wir mit der Person hinter all den Pflichten und Aufgaben anfangen sollen.
Und anstatt das Wochenende voll ausgekostet zu haben, atmen wir paradoxerweise auf, wenn dann endlich Montagmorgen und der Sonntag somit wenigstens für eine Woche ausgestanden ist. Eins ist nämlich sowieso sicher: Der Blues kommt immer wieder, wie Herpes.

 

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