Alles ist Rausch, jeder ist ein Suchti

Projekt *.txt, das zwölfte Wort „Rausch“:

Was fällt Euch zu den Begriff „Rausch“ ein? Assoziiert ihr damit verdreckte Junkies, die sich ihren Schuss auf offener Straße setzten? Oder nervtötendes pseudo-poetisches Gelalle spätnachts an der Theke? Oder doch eher das Wolke-Sieben-Gefühl des Frischverliebtseins?

Alles schon viel zu weit hergeholt. Jeder von uns erfährt jeden Tag Rauschzustände. Denn was ist ein Rausch anderes, als eine von außen hergestellte Beeinflussung der Hirnchemie mit dem Ziel, Wohlbefinden zu erreichen?
Da hätten wir sportliche Aktivität, das Relax-Bad am Abend, die Umarmung eines geliebten Menschen, die Dämmer-Phase kurz vor dem Einschlafen, Religiosität und natürlich geleistete Arbeit, die sich auf die ein oder andere Art auszahlt.
Dann gibt es da die schon etwas weniger harmlosen Alltagsräusche: Sei es der genüssliche Biss in den Schokoriegel, den man bereut, sobald er runtergeschluckt ist. Oder die spannende Serien, die einen geradezu dazu zwingt, immer weiter und weiter zu glotzen. Oder das Kaufen von schönen, aber nutzlosen Dingen, obwohl man kein Geld dazu hat. Oder Zocken. Oder Facebook. Oder alles andere.

Das Zauberwort hier heißt stets Kompensation. Je tiefer die schwarze Löcher man im Herzen, desto wichtiger der entschädigende Rauschzustand. Und je häufiger und exzessiver der Rauschzustand, desto größer die Suchtgefahr.
Und Sucht – ganz egal ob gesellschaftlich anerkannt oder zutiefst geächtetet – kann niemals etwas Positives sein, denn sie macht uns immer zu ihren Gefangenen.

Worauf will ich denn nun eigentlich hinaus? Nur darauf, dass man sich seine eigenen mehr oder minder harmlosen Schwächen ins Bewusstsein rufen sollte, bevor man über andere urteilt. Niemand möchte sich so sehr dem Rausch hingeben, dass er drogensüchtig, adipös, obdachlos oder wahnsinnig wird. Dennoch passiert es, denn es gibt schwarze Löcher, die einfach zu tief sind.
Könnten wir in die Herzen anderer sehen, wäre die Welt ein viel besserer Ort.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: